70. Jahrestag der Deportation von 101 Erfurter Jüdinnen und Juden am 9. Mai 1942

Produktion: Radio F.R.E.I., Erfurt

Jugendliche gedenken den unter 18-jährigen Deportierten

Lautsprecherdurchsage um 6:00 Uhr

Sehr geehrte Reisende,

wir bitten Sie um Aufmerksamkeit für eine Aktion des Gedenkens, die von Erfurter Bürgerinnen und Bürger initiiert wurde.

Heute vor 70 Jahren begannen die Massendeportationen der jüdischen Bürger aus Thüringen.

Um 6 Uhr mussten sich 101 Männer, Frauen und Kinder aus Erfurt hier auf dem Bahnhof versammeln. Der jüngste war vier, der älteste 66 Jahre alt. Sie mussten ihre Wohnungsschlüssel abgeben. Die Gestapo zwang sie, den Zug nach Weimar zu besteigen. Von dort aus wurden sie in das Ghetto Bełżyce in Polen gebracht.

Keiner kehrte zurück.

Samstag, 9. Mai 1942

Die Koffer waren längst gepackt und zum Transport aufgegeben. Wir waren uns jedoch nicht sicher, ob wir wirklich das Wichtigste dabei hatten. Das Liebste müssen wir zurück lassen – nur das Nötigste. Wir haben alle das Gefühl, nie wieder hierher zurückzukehren.

„Nun aber los!“ forderte Vater sehr bestimmt und dennoch merkwürdig sanft, „Wir sind spät dran!“

Auf dem Weg zum Bahnhof sind wir sehr nervös, dennoch still. Unsicherheit macht sich breit.  Die Sonne versucht, ihre Strahlen auf uns zu richten. Doch es ist noch zu früh um mit Wärme zu dienen. Sowieso scheint dieser Mai unterkühlt. Nicht nur der Sonne wegen.

Viel haben wir nicht zu tragen. Wir wissen nicht, was uns erwartet.

Als wir auf Gleis 7 des Bahnhofs ankommen, blicke ich in viele leere Gesichter. Sie sind teils schemenhaft, da der Dampf der Lokomotive nur Schattierungen zulässt. Der Anblick der gebeugten Menschen, das Schweigen, die Angst in ihren Augen, die Ungewissheit. Ich weiß, dass ich das alles nie vergessen werde.

Wir werden aufgefordert in die Züge zu steigen und wir folgen den Anweisungen der Geheimen Staatspolizei. Männer, gekleidet in lange Mäntel und mit gefrorenem Gesicht. Einige der Mitreisenden weinten andere beschwerten sich. Die Meisten jedoch betraten die Personenwaggons der Dritten Klasse schweigend – gehorsam oder gebrochen von all den Repressionen der letzten Jahre. Es wird eng. Die Gestapo achtet strikt darauf, dass wir nur in die uns zugeteilten Wagen für ,,Umzusiedelnde’’ gelangen.

Nun beginnt die Fahrt ins Ungewisse.

So könnte sich der Morgen des 9. Mai 1942 aus der Sicht eines jüdischen Jugendlichen in Erfurt zugetragen haben.

Lautsprecherdurchsage um 7:00 Uhr

Sehr geehrte Reisende,

wir bitten Sie um Aufmerksamkeit für eine Aktion des Gedenkens, die von Erfurter Bürgerinnen und Bürger initiiert wurde.

Heute vor 70 Jahren begannen die Massendeportationen der jüdischen Bürger aus Thüringen.

101 Männer, Frauen und Kinder aus Erfurt mussten sich hier auf dem Bahnhof versammeln. Der jüngste war vier, der älteste 66 Jahre alt. Sie mussten ihre Wohnungsschlüssel abgeben. Die Gestapo zwang sie, den Zug nach Weimar zu besteigen. Von dort aus wurden sie in das Ghetto Bełżyce in Polen gebracht.

Keiner kehrte zurück.

Die Durchsagen waren am 9. Mai 2012 siebzig Jahre nach der Deportation am Erfurter Hauptbahnhof zu hören. Dort fand eine große Gedenkveranstaltung statt. Mit Blumen, Kränzen und Namen wurde an alle Opfer gedacht. Viele der Durchreisenden haben die Aktion positiv aufgenommen. 

Lautsprecherdurchsage um 7:40 Uhr

Sehr geehrte Reisende,

wir bitten Sie um Aufmerksamkeit für eine Aktion des Gedenkens, die von Erfurter Bürgerinnen und Bürger initiiert wurde.

Heute vor 70 Jahren begannen die Massendeportationen der jüdischen Bürger aus Thüringen.

101 Männer, Frauen und Kinder aus Erfurt mussten sich hier auf dem Bahnhof versammeln. Vor aller Augen bestiegen sie, bewacht von der Gestapo, den Personenzug, der um 7:40 Uhr nach Weimar fuhr. Von dort aus wurden sie in das Ghetto Bełżyce in Polen gebracht.

Keiner kehrte zurück.

Wir gedenken der Erfurterinnen und Erfurter, die aus menschenfeindlichen und antisemitischen Motiven ermordet wurden.

Der Hörstolperstein wurde von Christina, Gitta, Paul und Philipp gestaltet. Wir sind Schüler der Kooperativen Gesamtschule Erfurt und sind 15 Jahre alt. Wir gedenken der unter 18-jährigen stellvertretend für alle 101 deportierten Erfurter Juden.

Hanna Friedel Ardel 17 Jahre Margot Gelfand 18 Jahre Günther Max Beer 4 Jahre Marion Kahn 14 Jahre Sophie Lang 6 Jahre Arnulf Glewicki 10 Jahre Eva Mirjam Helga Kleimenhagen 12 Jahre Ellen Kleimenhagen 17 Jahre Horst Wertheim 10 Jahre Hannelore Wertheim 12 Jahre Edith Ronsheim 9 Jahre Bernd Hellman 4 Jahre

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